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10. August 2021

Die Vermessung unserer Gesundheit

Die Vermessung unserer Gesundheit

Immer mehr Menschen vermessen ihre Körperfunktionen und Aktivitäten, um ihre Leistung oder ihre Gesundheit zu verbessern. Was bringt solches Self-Tracking? Und worauf sollte man dabei achten?

Wie viele Kalorien verbrennt ein Mann beim Sex? Und wie gross sind die Beschleunigungskräfte dabei? «Lovely» soll helfen, diese Werte zu ermitteln. Wer will, kann mit diesem Tracker die intimsten Momente vermessen. Er ist sozusagen eine Smartwatch für den Penis. Immer mehr solcher «Wearables» (auf Deutsch «Tragbare») erobern den Markt. Die kleinen, am Körper getragenen Computer lassen sich auf die
Haut kleben oder in Kleidung, Schuhe oder Armbänder einbauen. Sie messen vom Schlaf bis zur Stimmung alles Mögliche – zumindest behaupten das die Hersteller.

Dazu gesellt sich eine unüberblickbare Menge an Apps. «Allein im deutschsprachigen Raum gibt es über 300 000 Apps, die sich um Gesundheit, Wellness oder Fitness drehen», sagt Mandy Scheermesser, Sozialwissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Self-Tracking, also das Vermessen des eigenen Körpers, ist zur Massenbewegung geworden.

Schrittzähler gibt es seit 1472

Neu ist dieses Vermessen nicht. Bereits der italienische Gelehrte Leonardo da Vinci skizzierte 1472 einen mechanischen Schrittzähler für marschierende Soldaten. Heute lautet das Schlagwort «Quantified Self». Gemeint ist damit, sich in Zahlen zu beschreiben: Pulsrate, Blutdruck, Gewicht, verspeiste Kalorien, täglichen «Output» auf dem WC und vieles andere zeichnen die Anhänger der Bewegung auf. Sie möchten mehr über sich selbst herausfinden und ihre Leistung, ihren Körper oder das eigene Verhalten optimieren. Für manche wird das Messen zur Obsession, die stete Selbstoptimierung zum Lebensinhalt. Apps können Druck machen, bestimmte Vorgaben einzuhalten, den Nutzer mit Stolz erfüllen, wenn er Ziele erreicht – oder ihn deprimieren, wenn er es nicht schafft.

Hilfe beim Abnehmen und beim Rauchstopp

Auf www.quantifiedself.com stellen sich Dutzende von Self-Trackern vor. Ein Beispiel ist Daniel Reeves. Sobald er einen Satz mit «Ich werde …» beginnt, aktiviert er seinen Tracker, legt einen Termin fest – und misst, ob er das Vorhaben in der vorgegebenen Zeit erledigt. Reeves ist zu 93,83 Prozent verlässlich, ergab seine Auswertung. Andere Self-Tracker berichten davon, wie sich ihre Darmflora beim Erklimmen des Mount Everest veränderte. Der Phantasie sind beim Selbst-Vermessen fast keine Grenzen gesetzt.

Was aber bringen Tracker und Apps für die Gesundheit? Sie können – ohne den erhobenen Zeigefinger eines Therapeuten – zur Gewichtsabnahme und zum Rauchstopp anspornen, wie Studien zeigen. Sie vermögen das Körpergefühl zu steigern sowie die Leistung und die Fitness zu verbessern.


Die Herzstromkurve beim Arzt zeigte nichts an, die Blutanalyse lieferte auch keinen Hinweis – aber die Apple Watch hatte etwas Auffälliges registriert. Ihre Aufzeichnung der Herzströme half den Ärzten, den drohenden Herzinfarkt zu erkennen, und die Behandlung wurde rechtzeitig eingeleitet.

Auch vor Gericht kamen Tracker schon zum Einsatz. So überführte eine Fitbit-Smartwatch eine junge Frau der Lüge. Sie hatte behauptet, im Schlaf überfallen worden zu sein – laut den Fitbit-Daten war sie aber zur fraglichen Zeit in der Wohnung umhergelaufen.

Joggerinnen, die ihre Trainings-  und GPS-Daten mit Gleichgesinnten teilen, informieren diese damit automatisch auch darüber, wo sie wann anzutreffen sind. Das ist vielen nicht bewusst. Einige der Wearables übermitteln ihre Daten sogar unverschlüsselt in eine Cloud, wodurch Hacker leichtes Spiel haben.

Wie schafft man es bei einem Gewicht von 198 Kilo abzunehmen? Ein Tracking-Nutzer fand seine eigene Methode: Er veränderte sein Leben in ganz kleinen Schritten, trackte sein Gewicht und schrieb in einem Blog, was gut klappte und was weniger. So erreichte er schliesslich sein Normalgewicht.

«Effizienter arbeiten» lautete der Vorsatz einer jungen Frau. Sie zeichnete in Fünf-Minuten-Intervallen auf, wann, wodurch und wie lange sie sich ablenken liess. Dieser digitale Kalender schärfte ihre Wahrnehmung für unerwünschte Ablenkungen und half ihr, sich auf ihre Arbeit zu fokussieren.

«Was mir konkret aufgefallen ist: Wenn ich mehrere Tage hintereinander nicht mindestens 7000 Schritte täglich gegangen bin, schmerzt mein Knie stärker», fand ein Mann mit einem Meniskusschaden am Knie dank des Schrittzählers heraus.* 

Ein von Heuschnupfen geplagter Jogger zeichnete fünf Jahre lang jedes Niesen auf. Dadurch wusste er, wo auf seiner Joggingrunde er besonders oft niesen musste und welche Pflanzen ihm vermutlich die Probleme bereiteten.

«Wenn ich eine Woche lang auf einer Geschäftsreise bin, ist mein Blutdruck tendenziell höher», bemerkte ein Mann, der nach einem Schlaganfall seinen Blutdruck überwachte. Sein Arzt riet ihm daraufhin, auf Geschäftsreisen eine höhere Dosis des Blutdrucksenkers einzunehmen. * 

* Beispiele zitiert nach «Public Understanding of Science», 2020

«Gut für das Herz-Screening»

In der Medizin wird Self-Tracking beim Selbstmanagement von Krankheiten immer wichtiger. Anstieg oder Abfall des Blutdrucks, drohende Verschlimmerung bei Herzschwäche oder Asthma – bei vielen medizinischen Problemen leisten die digitalen Helfer einen Beitrag. «Die Smartwatches können ein gutes, preiswertes Mittel fürs Herz-Screening sein», sagt Vân Nam Tran, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie bei Medbase Vevey. Zu Beginn der Corona-Pandemie galt beispielsweise das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als mögliches Mittel gegen Covid-19. Die bei einigen Patienten durch den Wirkstoff ausgelöste Veränderung der Herzströme habe man mit Hilfe von Smartwatches messen können, sagt Tran.

Wenn die App krank macht

Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes können Tracker das Leben erleichtern. Die kleinen Sensoren erlauben beliebig viele Zuckermessungen, und die Werte liest der Patient bequem am Smartphone ab. Doch diese Hilfe hat ihren Preis. Das Gefühl für die natürlichen Körpersignale kann dadurch abhandenkommen, sodass Diabetiker eine gefährliche Unterzuckerung schlechter wahrnehmen. Sie könnten ihre Fähigkeit verlieren, die passende Insulindosis zu berechnen, weil dies von einem Gerät oder einer App übernommen werde, heisst es in einem Bericht der Stiftung für Technologiefolgen- Abschätzung TA Swiss, den Mandy Scheermesser mitverfasst hat. «Das kann zu einer unerwünschten Abhängigkeit von den Geräten führen», sagt sie.

Mediziner aus den USA berichteten von einer Frau, die klagte, dass sie schlecht schlafe. Das hatte ihr Self-Tracking ergeben. Bei der Untersuchung im Schlaflabor stellte sich jedoch heraus, dass sie tief und lang schlief. Der Tracker hatte sich vermessen. Die Diagnose lautete «Orthosomnie», also die ständige Beschäftigung damit, «richtig» zu schlafen. «Kritisch wird es, wenn chronisch kranke Menschen solche nichtverlässlichen Apps nutzen», sagt Mandy Scheermesser. «Um einzuordnen, wie verlässlich eine Messung ist, braucht es eine Fachperson als Kompass im App-Dschungel.»


Tracker, Apps und Wissenschaft

Stimmen die von den Geräten und Apps vorgegebenen Normen?
Nicht einmal Wissenschaftler können sagen, ob 10 000 oder 7500 Schritte pro Tag besser sind. Dass die Apps 10 000 empfehlen, geht vermutlich auf eine Marketingkampagne für einen Schrittzähler zurück. Das japanische Gerät kam 1965 auf den Markt und hiess übersetzt etwa «10 000-Schritt-Meter».

Sind die Tipps wissenschaftlich fundiert?
Nicht unbedingt. Das stellten Forscher bei verschiedenen Apps zum Selbstmanagement von Asthma, zum Rauchstopp oder zum Abnehmen fest.

Misst der Tracker wirklich, was er vorgibt zu messen?
«Die Qualität zu bewerten, ist für Laien schwierig. Das gilt auch für Apps», sagt Mandy Scheermesser von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Schrittzähler lassen sich zum Beispiel täuschen, wenn man die elektrische Zahnbürste benutzt.»

Was passiert mit den Daten?
Als Forscher 24 beliebte Gesundheits-Apps überprüften, kam heraus, dass 19 davon Daten weitergaben. Drittfirmen erfuhren so nicht nur das Alter, das Geschlecht und den ungefähren Wohnort des Nutzers, sondern erhielten auch Informationen zu seinen Hobbys, seinen Krankheiten und seinen Medikamenten. «Wenn die App kostenlos ist, müssten die Alarmglocken läuten. Da sollte man sich fragen: Auf welchem Geschäftsmodell basiert diese App?», rät Scheermesser.


Für den Text verwendete Quellen: 
BMJ, Jama Int. Med., Europ. Heart Journal,
J. Clin. Sleep Med., TA-Swiss,
www.quantifiedself.com, nydailynews

(Text: Dr. med. Martina Frei)

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