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22. Oktober 2021

«Zucker hat Suchtpotenzial»

«Zucker hat Suchtpotenzial»

Zucker ruft Glücksgefühle hervor. Im Übermass aber kann er eine Depression fördern, wie der Psychiater Gregor Hasler im Interview erklärt. Er weiss, welche Ernährung der Psyche guttut.

Warum sind wir so scharf auf Süsses, Herr Professor Hasler?

Zucker war ursprünglich etwas Seltenes. Unser Hirnbelohnungssystem reagiert stark darauf. Deshalb hat Zucker ein gewisses Suchtpotential. Anders als bei Eiweiss oder Salz führt er nicht zur Sättigung.

 

Was passiert im Gehirn, wenn wir Süsses essen?

Vom Darm steigt der Zucker über die Blutbahn hoch zum Hirn, wo er das Hirnbelohnungssystem mit Dopamin flutet. Das bewirkt ein Belohnungsgefühl und führt im weiteren zu Glücks-, Baby- und Heimatgefühlen – Wohlbefinden und Beruhigung auf der ganzen Darm-Hirn-Linie.

 

Dopamin wird auch als «Glücksbotenstoff» bezeichnet. Es gibt den «Kick».

Es ist vor allem für das getriebene und suchende Glück moderner Leistungsmenschen zuständig. Das «Dopamin-Glück» beinhaltet Freude, Optimismus, Kraft und Kreativität.

 

Braucht das Hirn nicht ein gewisses Mass an Zucker zum Denken?

Die meisten Säugetiere decken ihren Bedarf an Zucker, indem sie ihn in der Leber selbst produzieren. Das spricht dafür, dass in der unkultivierten Natur zuckerhaltige Lebensmittel keine entscheidenden Nahrungsquellen waren.

 

Zu viel Zucker kann Karies verursachen, Diabetes, Übergewicht … Kann er auch psychisch krank machen?

Ja. Das Hirnbelohnungssystem kann bei hohem Zuckerkonsum abstumpfen Dann sinkt die Dopamin-Aussschüttung. Freudlosigkeit und Interessenverlust sind die Folge. Ausserdem führt hoher Zuckerkonsum unter anderem zu einer Aktivierung des Entzündungssystems. Das fördert die Depression. Besonders ungünstig wirkt sich die Kombination von Stress und hohem Zuckerkonsum aus.


Warum steigt bei Stress das Verlangen nach Süssem?

Der Darm besitzt viele Zucker-Rezeptoren. Sie steuern unter anderem die Darmhormone, zum Beispiel das Sättigungshormon Ghrelin. Ghrelin verstärkt im Hirn die Widerstandskraft gegen Stress und hebt die Stimmung. Deshalb greifen wir unter psychischer Belastung gern zu Schokolade, Sahnetörtchen oder Gummibärchen.

Hat Zucker auch eine gesellschaftliche Wirkung?

Früher haben nicht einmal Könige soviel Zucker gegessen wie wir heute. Ihn so konzentriert zu konsumieren ist völlig unnatürlich. Man hat etwa im 18. Jahrhundert aber gemerkt, dass sich die Leute mit Zucker und Alkohol politisch beruhigen lassen. Heute nutzt die Industrie das Suchtpotenzial gezielt aus. Die Bindung an ein Produkt hängt eng mit dessen Zuckergehalt zusammen. Vor allem zugesetzte Fructose, also Fruchtzucker, in unnatürlich grossen Mengen macht besonders süchtig, weil sie den Appetit und damit die Nahrungszufuhr steigert und gleichzeitig der Nahrung die sättigende Wirkung nimmt.

 

Gibt es wirklich «zuckersüchtige» Menschen?

Ja, bei der Bulimie. Die Betroffenen haben einen Mangel an Dopamin im Gehirn. Das fördert die Essanfälle, aber auch die Unfähigkeit, das Interesse vom Essen auf andere Dinge zu lenken.

 

Welche Ernährung ist denn gut für die Psyche?

Am besten richtet man sich nach dem glykämischen Index. Je tiefer der Wert, desto besser, denn umso langsamer steigt der Blutzuckerspiegel. Haferflocken zum Beispiel sind in dieser Hinsicht gut, Hafermehl dagegen nicht. Als Faustregel kann man sich merken: Je feiner etwas gemahlen oder püriert ist, desto schneller steigt davon der Blutzuckerspiegel.

 

Also Vollkornbrot statt Toastbrot?

Nein, am besten lässt man das Brot weg. Im Vollkornbrot sind die Ballaststoffe zermahlen. Das bringt nichts, es sind «leere Fasern». Reis kann man vor dem Kochen in Essig wässern und so den glykämischen Index von 87 auf 62 senken.

Und wenn man doch einmal eine Pizza möchte?

Nahrungsmittel mit hohem glykämischen Index wie Pizzateig kombiniert man am besten mit Käse und anderem. Auch die Kombination von Kartoffeln mit Sauerrahm ist gut, weil dadurch der Blutzucker langsamer ansteigt. Wenn man sich beispielsweise Butter aufs Baguette schmiert, verlangsamt das die Verdauung und der glykämische Index des Baguettes sinkt von 95 auf 65.

 

Wie schafft man es, dass der Zuckerkonsum nicht ausufert?

Zum Beispiel, indem man die «Mini-Version» kauft und klare Regeln aufstellt. Zucker muss nicht immer schlecht sein, es kommt auf die Menge an.

Also zum Beispiel nur eine Schokokugel zum Dessert oder eine Mini-Glace. Riesenportionen sind zwar verführerisch, aber nachher bereut man, dass man so viel gegessen hat. Darum würde ich im Kino nicht den grossen Eimer Popcorn kaufen.

 

Sich auf eins zu beschränken funktioniert aber bei den Lieblingspralinées nicht.

Diese Regel führt auch bei uns zu Hause oft zu Diskussionen mit den Kindern. Aber selbst wenn ich dabei «verliere»: Dann haben sie halt zwei Schoggikugeln gegessen. Das ist immer noch besser als eine ganze Tafel Schokolade. Ganz wichtig ist Bewegung. Denn dadurch wird der Blutzuckerspiegel gut eingestellt.

 

Gibt es Situationen, in denen Sie zum Zuckerkonsum raten würden?

Wenn jemand an einer Depression leidet und die einzige Freude etwas Süsses ist, dann würde ich zwar nicht dazu raten, aber ich wäre kulanter. Auch bei einer Patientin mit Magersucht würde ich es in Kauf nehmen, dass sie zur Not halt Süsses ist anstatt gar nichts.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Hasler.

 



Zur Person

Gregor Hasler ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und Chefarzt am Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit. Er befasst sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Ernährung, Darm und Gehirn und ist Autor des Buchs «Die Darm-Hirn-Connection».
 



Autorin:
Dr. med. Martina Frei. 

 

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