10. November 2020

Auf das Timing kommt es an – auch bei Medikamenten

Auf das Timing kommt es an – auch bei Medikamenten

Alle Vorgänge im Körper folgen einem natürlichen Rhythmus. Das nutzt die Chronomedizin: Zur richtigen Zeit eingenommen, wirken viele Medikamente besser.

Wer im Herbst eine Grippeimpfung möchte, lässt sich am besten morgens impfen. Denn zu dieser Tageszeit wirkt die Impfung offenbar besser. Das jedenfalls ergab ein Versuch mit Senioren. Diejenigen, die morgens geimpft wurden, hatten vier Wochen nach der Impfung einen besseren Immunschutz aufgebaut als jene, die erst am Nachmittag geimpft wurden. «Alle unsere Zellen haben eine ‹innere Uhr›. Das sollte man auch bei der Einnahme von Medikamenten berücksichtigen», empfiehlt der Neurobiologe Henrik Oster von der deutschen Universität zu Lübeck. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Chronomedizin.

Chronomedizin: Was ist das?

Chronomediziner untersuchen, wie sich die Wechsel von Tag und Nacht sowie von Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf die Gesundheit auswirken. Fast alle Vorgänge im Körper werden von den «inneren Uhren» beeinflusst. Einer der Ersten, denen solche Zusammenhänge auffielen, war der griechisch-römische Arzt Caelius Aurelianus. Asthma trete während der Nacht häufiger auf als tagsüber, schrieb er im 5. Jahrhundert, und das gilt heute noch. So wie in einem Orchester mal die Trompeten besonders laut spielen und dann wieder die Geigen oder die Celli, haben auch die verschiedenen Zellen im Körper zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihren Haupteinsatz. Ihre inneren Uhren sorgen zum Beispiel dafür, dass bei gesunden Menschen der Spiegel des Stresshormons Cortisol morgens am höchsten ist, der Blutzuckerspiegel mittags und die Körpertemperatur am Abend.

Die innere Uhr medizinisch nutzen

Das lässt sich medizinisch nutzen. «Cholesterinsenker beispielsweise nimmt man besser abends ein als morgens», rät Oster. Diese Medikamente hemmen bestimmte körpereigene Substanzen, die das Cholesterin erhöhen. Am Abend sind diese Substanzen besonders aktiv, weshalb der Cholesterinsenker sie dann am wirksamsten «ausbremsen» kann. Die Immunabwehr, die Funktion der Organe, geistige Fähigkeiten – «alles variiert mit der Tageszeit», sagt Björn Lemmer, emeritierter Professor für Pharmakologie und Toxikologie und einer der bekanntesten Chronopharmakologen in Europa.

Die «inneren Uhren»
Bei den «inneren Uhren» handelt es sich genau
genommen um bestimmte Gene im Erbgut von
fast jeder Körperzelle. Diese Gene werden zu
bestimmten Zeiten an- und zu anderen Zeiten
abgeschaltet. Das beeinflusst, wann Botenstoffe
im Gehirn, Eiweissstoffe im Blut und andere
wichtige Substanzen im Körper produziert werden
– und wann nicht.

Auch beim Blutdrucksenker ist die Einnahmezeit wichtig

«Der Blutdruck zum Beispiel sollte im Verlauf von 24 Stunden natürlicherweise schwanken. Sinkt er nachts nicht um circa 10 Prozent, geht das mit einem höheren Risiko für Herz Gefäss-Erkrankungen einher», erläutert Lemmer. Deshalb sei zur Abklärung von Bluthochdruck eine automatische 24-Stunden-Messung des Blutdrucks ratsam. Je nach Befund könne die morgendliche oder die abendliche Einnahme eines Blutdrucksenkers sinnvoll sein. «Das Ziel ist ein normaler 24-Stunden-Verlauf. Eine Einnahme zur falschen Zeit könnte vermehrt zu unerwünschten Wirkungen führen», warnt Lemmer. «Wenn der Blutdruck zum Beispiel nachts zu stark abfällt, kann das Risiko für einen Schlaganfall steigen.»

Nebenwirkungen sind nicht allzeit gleich

Auch die Nebenwirkungen vieler Medikamente fallen nicht zu allen Tageszeiten gleich aus. Gängige Schmerzmittel wie etwa Ibuprofen verursachen nach der morgendlichen Einnahme eher Nebenwirkungen als bei der Einnahme am Abend. Der Grund: Am Morgen entleert sich der Magen rascher, und die Verdauungsorgane sind besser durchblutet. Beides führt dazu, dass die Wirkstoffe im Darm schneller aufgenommen werden und eine höhere Blutkonzentration erreichen. Mehr Wirkstoff im Blut bedeutet oft auch eine stärkere Wirkung – und ein höheres Risiko für Nebenwirkungen.

Warum der Rhythmus so wichtig ist

«Dirigiert» wird das Zusammenspiel der vielen inneren Uhren im Körper von einem Bereich im Gehirn, dem Hypothalamus. Er wird durch den Hell-Dunkel-Rhythmus im Tagesverlauf beeinflusst. «Wer mehr Licht am Tag und weniger in der Nacht abbekommt, hat eine stabilere innere Rhythmik», sagt Henrik Oster. «Viele Menschen unterschätzen, wie wichtig ein ausgewogener Rhythmus für die Krankheitsabwehr ist.» Personen, die lange gegen ihren natürlichen Rhythmus leben – etwa Schichtarbeiterinnen –, erkranken mit grösserer Wahrscheinlichkeit an Übergewicht, Diabetes, Ablagerungen in den Arterien, Schlafstörungen, Brustkrebs und weiteren Erkrankungen. An der «chronomedizinischen Prävention» fehle es jedoch noch sehr, kritisiert Oster. «Man sollte etwa sein natürliches Schlafbedürfnis kennen und beachten.» Das bewährte sich auch vor der Grippeimpfung: Bei unausgeschlafenen Menschen war ihre Schutzwirkung schlechter.

Tipps: Wie Sie Ihrer inneren Uhr folgen

Die drei grössten Störfaktoren für die inneren Uhren sind Schichtarbeit, unregelmässige oder zu späte Essenszeiten und übermässig lange künstlichem Licht (auch von Bildschirmen) ausgesetzt zu sein. All dies kann die innere Uhr verstellen. Darum:

  • Integrieren Sie möglichst viel natürliches Licht in Ihren Tagesablauf, indem Sie beispielsweise mit dem Velo zur Arbeit fahren.
     
  • Versuchen Sie, zu festen Zeiten zu essen. Halten Sie nachts eine grosse Pause ein – also keine mitternächtlichen Snacks und Softdrinks.
     
  • Sorgen Sie für regelmässigen und ausreichenden Schlaf. Berücksichtigen Sie, ob Sie eher eine frühaufstehende «Lerche» oder eine nachtaktive «Eule» sind.
     
  • Das Schlafbedürfnis ist individuell verschieden und hängt auch von der Aktivität am Tag ab. Wer morgens immer Mühe hat, aus dem Bett zu kommen, oder abends oft vor dem Fernseher einschläft, beachtet seinen inneren Rhythmus möglicherweise zu wenig.
     
  • Die Hauptschlafzeit sollte nachts sein. Gegen einen kurzen Mittagsschlaf ist aber nichts einzuwenden, solange er nicht dazu führt, dass Sie nachts wach liegen.
     
  • Machen Sie sich keine Sorgen wegen einer schlecht geschlafenen Nacht. Davon wird man nicht krank.
     
  • Wer am Wochenende stets Schlaf nachholen muss, lebt unter der Woche «gegen» die innere Uhr.
     
  • Für Schichtarbeitende sind wenige Nächte nacheinander gesünder als ein ganzer Monat Nachtschicht.
     
  • Begrenzen Sie die Zeit an Bildschirmen und vor dem TV, vor allem abends.
     
  • Mit zunehmendem Alter sind die inneren Uhren störanfälliger. Nehmen Sie darauf Rücksicht.
     
  • Ältere Menschen bekommen oft zu wenig Tageslicht – besonders in Heimen. Helles, möglichst natürliches Licht in den Aufenthaltsräumen hilft ihnen, sich besser zu synchronisieren.
     

Autorin: 
Dr. med. Martina Frei

 

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