17. September 2020

Potente Winzlinge

Potente Winzlinge

Probiotika können dem Darm, der Haut und sogar der Psyche guttun. Wie die Mikroorganismen das schaffen, ist – noch – ein Rätsel. Forscher sind den Zusammenhängen auf der Spur.

Können Bakterien bei einer Depression helfen? Kaum jemand würde diesen Winzlingen das zutrauen. Und doch gibt es mehrere Studien, in denen bestimmte Bakterien depressiven Menschen gutgetan haben: Die Einnahme sogenannter «Psychobiotika» – meist handelte es sich um Lactobazillus- und Bifidobakterium- Stämme – ging dort mit einer Besserung der Depression einher. Probiotika, also gesundheitsfördernde Mikroben, haben Potenzial: Sie können erwiesenermassen Durchfallerkrankungen verkürzen und mildern, bei Reizdarm helfen, das Risiko für Neurodermitis bei Kindern senken und die Belastung mit Schwermetallen reduzieren – vorausgesetzt, es sind die richtigen Bakterien- oder Hefearten.

«Probiotika sind oft hilfreich bei Durchfall»

«Sinnvoll eingesetzt, wirken Probiotika sehr gut. Bei entzündlichen Darmerkrankungen etwa können sie unter bestimmten Bedingungen gleich wirksam sein wie der bewährte Wirkstoff Mesalazin. Auch bei Durchfall auf Reisen oder nach Antibiotika-Behandlungen sind sie oft hilfreich», sagt Michael Scharl, Professor für Gastroenterologie am Universitätsspital Zürich. Das gelte aber nur für Probiotika, die als Medikamente zugelassen seien oder deren Wirksamkeit zumindest in klinischen Studien getestet worden sei. «Sie enthalten die Mikroorganismen, für die eine Wirkung belegt ist, in einer fixen Dosis und einer genau definierten Verabreichungsform», sagt der Darm-Mikrobiom-Forscher.

Die «Gelbe Suppe» im alten China

Die Behandlung mit Mikroorganismen ist keine Erfindung der Neuzeit – aber sie ist heute appetitlicher als früher. Schon im 4. Jahrhundert erhielten manche Kranke im alten China «Gelbe Suppe» gegen ihre Darmentzündung. Sie bestand aus verdünnten Fäkalien. Die Idee, das Biotop im Darm gezielt mithilfe bestimmter Bakterien zu beeinflussen, ist rund 100 Jahre alt. Ein Pionier war der deutsche Arzt Alfred Nissle. Ihm fiel 1916 bei Laborversuchen auf, dass manche Darmbakterien Durchfallerreger zurückdrängen können. Im Jahr darauf begegnete er einem Soldaten, der – als einziger der Kompanie – von einer heftigen Darminfektion verschont geblieben war. Aus dem Stuhlgang dieses Soldaten isolierte Nissle einen Bakterienstamm, von dem er den durchfallkranken Soldaten gab. Sie genasen. Die «Escherichia coli Nissle»-Bakterien sind heute noch als probiotisches Medikament zugelassen.

Was bringt Nature-Joghurt?

Ob hingegen probiotische Joghurts oder nicht in Studien geprüfte Probiotika nützen, ist laut Michael Scharl nicht klar: «Für solche Produkte gibt es weder Beweise noch medizinische Qualitätsanforderungen. Nature-Joghurt ist sicher ein gutes Nahrungsmittel. Aber ich bezweifle, dass sehr viele Bakterien darin zum Beispiel die Passage durch den sauren Magensaft
überleben.» Wie Probiotika genau wirkten, sei bis heute «nur sehr vage verstanden», sagt Scharl. Deshalb sei es zu früh, bei komplexen Erkrankungen wie etwa Darmkrebs konkrete Empfehlungen zu geben. «Vermutlich ist die Wirkung von Probiotika je nach Bakterienstamm und Krankheitsbild individuell verschieden.»

«Die Darmbakterien reden mit»

Der Freiburger Psychiatrieprofessor Gregor Hasler ist ähnlicher Ansicht. Er erforscht seit Jahren das Zusammenspiel zwischen Darm und Hirn. «Da reden auch unsere Darmbakterien mit», sagt Hasler. «In Experimenten mit Mäusen hat man zum Beispiel gesehen, dass sich die ‹Persönlichkeit› sehr scheuer Tiere verändert, wenn sie die Darmmikroben von draufgängerischen Artgenossen erhalten. Sie werden dann mutiger.» In seinem Buch «Die Darm-Hirn-Connection» beschreibt er diese Zusammenhänge. Die Vorstellung, man könne mit der richtigen Mischung Bakterien zum Einnehmen eine psychische Erkrankung heilen, hält Hasler aber für illusorisch. Er rät zu gesunder, präbiotischer Ernährung. «Die Darmflora ist ein Ökosystem. Da kann man nicht an einem Ort schrauben und alle Probleme sind gelöst.»

Vielseitige Ernährung ist gut für das Biotop im Darm

Wichtig sei, dieses Biotop mit vielseitiger, vollwertiger Ernährung sowie Bewegung zu pflegen und zu fördern, sagt Hasler. «Wer zum Beispiel aus Furcht vor Blähungen immer mehr Nahrungsmittel weglässt, tut der Bakterienvielfalt in seinem Darm keinen Gefallen. Sie verarmt.» Das bestätigen auch Studien von Michael Scharl. Eines seiner Hauptforschungsgebiete sind die Mikroben, die im menschlichen Darm wirken. Bei Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen beispielsweise, die sich ohne medizinischen Grund glutenfrei ernährten, veränderte sich nicht nur die Darmflora, sondern auch die Befindlichkeit – zu ihren Ungunsten.

Autorin
Dr. med. Martina Frei

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