01. Februar 2021

Vorsicht vor Keimfreiheit

Vorsicht vor Keimfreiheit

In einer zunehmend sterilen Welt fehlen dem Immunsystem «echte Feinde». Dies begünstigt auch die Anfälligkeit für Allergien. Dr. Brigitte Kalbacher erklärt, was Eltern tun können, um ihre Kinder vor Allergien zu schützen.

Welche Menschen werden zu Allergikern?

Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Allergie entwickeln. Es gibt aber mehrere Faktoren, die nachweislich das Risiko, an einer Allergie zu erkranken, erhöhen. Einen Einfluss hat die familiäre Vorbelastung. Wenn beide Elternteile betroffen sind und bereits an einer Allergie leiden, entwickeln Kinder zu 50 bis 70 Prozent ebenfalls Beschwerden. Entscheidend ist auch das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft: Raucht sie, werden die Kinder eher allergiekrank und haben ein um 60 Prozent höheres Risiko, im Erwachsenenalter Asthma zu bekommen.

Die Umgebung, in der man aufwächst, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf dem Land leiden nur rund 4 Prozent der Kinder an Heuschnupfen, in der Stadt sind es etwa 10 Prozent. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Luftverschmutzung. Ultrafeine Partikel können besonders weit in tiefere Lungenabschnitte vordringen, sich dort festsetzen und Entzündungen hervorrufen. Dies führt zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Atemwegsschleimhaut für Allergene und damit zu einer grösseren Anfälligkeit. Der westliche Lebensstil, insbesondere die Ernährung, und aggressivere Pollen sind weitere Faktoren.

Vor 100 Jahren litt nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung an einer Pollenallergie, heute sind es 15 bis 20 Prozent. Weshalb dieser Anstieg?

Der Pollenflug ist durch den Klimawandel länger und ausgeprägter geworden. Russ- und Feinstaubpartikel verändern die Oberfläche der Pollen und reizen das Immunsystem stärker. Insgesamt haben die allergiebegünstigenden Umweltfaktoren zugenommen – und die allergieverhindernden Faktoren abgenommen. Zudem haben wir heute vermehrt Kontakt mit synthetischen und natürlichen Fremdstoffen.

Weshalb leiden Bauernhofkinder weniger an Allergien oder Asthma als Stadtkinder?

Die Entwicklung des Immunsystems hängt wesentlich vom Kontakt mit Schmutz und Keimen im Kleinkindalter ab. Früher Kontakt mit Bakterien, noch vor dem zweiten Lebensjahr, bewirkt eine bessere Toleranz des Immunsystems für Allergene. Besonders gut geschützt vor Asthma und Heuschnupfen sind Kinder, deren Mütter bereits während der Schwangerschaft täglich im Stall gearbeitet haben.

Wann sollte eine Allergie abgeklärt werden?

Möglichst frühzeitig, sobald die Symptome die Lebensqualität beeinträchtigen, der Auslöser für eine Allergie unklar ist oder sich der Kontakt damit nicht vermeiden lässt. Besonders bei Krankheiten, die einen Einfluss auf die Atemwege haben, ist ein Allergietest sehr wichtig. Mit einer Desensibilisierung – einer spezifischen Immuntherapie – können auch die Ursachen von Allergien therapiert werden.

Ist es sinnvoll, allergische Reaktionen schon im Kindesalter zu behandeln?

Absolut. Denn unbehandelt kann sich eine Allergie mit zunehmendem Alter verschlimmern, und aus einem «einfachen» Heuschnupfen kann ein allergisches Asthma entstehen. In der Medizin wird dieses Herabwandern der allergischen Reaktion von den oberen in die tieferen Atemwege als «Etagenwechsel» bezeichnet. Das Allergenspektrum kann sich auch ausweiten, es können also weitere Allergien hinzukommen.

Tipps, um Allergien vorzubeugen

#1 Wegen der gesundheitsfördernden Wirkung wird ausschliessliches Stillen während mindestens vier Monaten empfohlen – die Studienlage zur Prävention allergischer Erkrankungen ist allerdings noch uneinheitlich.

#2 Kinder regelmässig draussen spielen lassen.

#3 Bei Kindern auf Desinfektionsspray verzichten.

#4 Ruhig Blut bewahren, wenn das Kind einmal Dreck in den Mund bekommt.

#5 Daumenlutschen erlauben, denn Kinder, die häufig die Finger in den Mund stecken, entwickeln seltener Allergien.

#6 Das Zusammenleben mit Haustieren bereits in der frühen Kindheit kann einen «Mini-Farm-Effekt» haben und die körperliche Toleranz erhöhen.

(Text: Dr. med. Brigitte Kalbacher)

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